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Das Parlament, Heft 47, November 2006

Multimediale Monotonie
Eine Zeitreise zu den Deutschen

Das Buch zum Film, der Film zum Buch, der Trailer, das Bonusmaterial. So werden Geistesprodukte heutzutage vermarktet. Auch die Historie wird medial ausgeschlachtet. ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp zeigt seit Jahren, wie man daraus Kapital schlägt. Erst der Film, dann das Buch und letztlich als Doppelpack in den Handel. Ganz so leichtfüßig sind Autor Rolf Hosfeld und Filmemacher Hermann Pölking die Geschichte Deutschlands zwischen 1945 und 1972 nicht angegangen. Neben vielen anderen Quellen haben sie Memoiren, Akten, Amateurfilme und Werbespots zu einem „multimedialen Projekt verbunden, dessen einzelne Teile sich ergänzen“ sollen. Tun sie aber leider nicht und wo Knopp der Geschichte künstliche Dramatik einhaucht, herrscht bei Hosfeld und Pölking künstliche Langeweile.

Wie aber tritt man diese knapp sieben Stunden und über 500 Seiten lange „Zeitreise in Bildern und 3 DVDs“ am besten an? Zuerst den Film, dann das Buch? Oder umgekehrt? Vielleicht die Fernbedienung des DVD-Players in der rechten, den Ein-Kilo-Wälzer in der linken Hand. Wer mit dem schwer gewichtigen und schwer lesbaren Buch beginnt, wird dem Film mit großer Ungeduld entgegenfiebern. Aber nicht weil bereits die Lektüre so anregend gewesen wäre, sondern weil man nun auf eine im doppelten Sinne anschauliche Retrospektive hofft.

Selten ist so altbacken und umständlich über die Gründung der beiden deutschen Staaten, das „Wirtschaftswunder“, den Mauerbau oder die Ostpolitik Willy Brandts geschrieben worden, wie in dieser angeblich so „spannenden Geschichtsdarstellung“. Politikgeschichte alten Stils wird hier kultiviert, sprechende Zeitzeugen sind fast ausschließlich Staatsmänner, „Otto Normalverbraucher“ hingegen kommt fast nie zu Wort. Verhandlungen, Vereinbarungen und Vertragsunterzeichnungen auf allerhöchster Ebene bilden den Kern dieser Geschichtsagenda. Das „Leben im doppelten Wirtschaftswunderland“, wie es im Untertitel überraschend heißt, findet lediglich in den nett bebilderten Infokästen statt. Hier wird schon mal über die Schwerarbeiterrationen der Trümmerfrauen, über den tragischen Verkehrsunfall der erst 25-jährigen Chansonette Alexandra oder die angeblich alle neuzeitlichen Erfindungen in den Schatten stellende Antibabypille räsoniert.

Diese alltags- und kulturhistorischen Zwischenmahlzeiten vertragen sich aber meist nicht mit der schwer verdaulichen Hauptspeise. Wieso sich der Disput zur Wiederbewaffnung und der Siegszug der Vinylschallplatte auf einer Doppelseite treffen, verwundert, verwirrt und lenkt vom ohnehin sperrig erörterten Thema ab. Zeitliche Nähe ohne inhaltliche Anbindung kennzeichnet auch die Auswahl und Platzierung der Bilder. Viele der seltenen und durchaus sehenswerten Motive werden notdürftig mit den gerade behandelten Ereignissen verknüpft. Das Kapitel „Adenauerzeit“ startet mit einem Foto, auf dem Kinder die Sonnenfinsternis von 1954 beobachten. „Es ist die Zeit des Babybooms und für die Zukunft muss man nicht schwarz sehen...“, heißt es in der bemüht launigen Bildunterschrift.

Redaktionelle Nachlässigkeiten

Elegant und pointiert formuliert der ehemalige Kulturchef der vor vier Jahren eingestampften Zeitung „Die Woche“, Rolf Hosfeld, wahrlich nicht. Schachtelsätze, Einschübe und Fremdworte machen es dem Leser nicht gerade leichter, den sehr spröden Referaten über die europäische Einigung oder den NATO-Beitritt zu folgen. Aber auch redaktionelle Nachlässigkeiten irritieren. Da wird aus dem zitierten Historiker Heinrich August Winkler schon mal ein „August Heinrich“, aus Truppenbewegungen „Gruppenbewegungen“ und aus dem Berliner Admiralspalast der „Admiralitätspalast“. Solche Fehler würden nicht so sehr ins Auge springen, wenn sie sich nicht häuften und die Bild-Text-Kombination stimmiger und stimmungsvoller wäre.

Immerhin sorgt das in abgelegenen Archiven und Privathaushalten aufgestöberte Filmmaterial für Abwechslung. Die von Pölking episodenhaft montierten Impressionen deutsch-deutscher Geschichte fangen jenes Epochengefühl ein, welche das Buch über weite Strecken vermissen lässt und für viele den Zugang zu dieser Zeit erleichtert. Den roten Faden vermisst man nicht, weil er gar nicht erst gespannt werden soll. So ist ein lebensnahes, vielschichtiges und gleichsam sehr informatives Kaleidoskop zu bestaunen. Das Schicksal der Kriegsheimkehrer findet in diesen klug kommentierten Momentaufnahmen genauso seinen Platz wie die lustbetonte Motorisierung in den 50er-Jahren oder die psychedelischen Experimente gegen Ende der Sechziger. Die Gespräche mit drei Zeithistorikern holen den Zuschauer allerdings wieder in die Tristesse reiner Gelehrsamkeit zurück. Fachlich und sachlich korrekt, auf der Höhe des Forschungsstand, aber ungemein ermüdend verlaufen die vor grauer Studiokulisse abgefilmten Interviews, die eher Prüfungssituationen als angeregten Diskussionen gleichen.
Bei diesem Projekt ist glücklicherweise wenig inszeniert worden, aber unglücklicherweise auch nichts Neues versucht worden. Film, Buch und Bilder ergänzen sich nicht, sie stehen relativ isoliert nebeneinander. Die Quellen sprechen verschiedene Sprachen und die Autoren haben es versäumt, sie als vielstimmigen und dennoch harmonischen Chor erklingen zu lassen. Eine moderne Geschichtsschreibung mit modernen Medien sieht anders aus. Thematisch und technisch. Getreu dem Wahlspruch der Zukunft: Mehr Stereophonie wagen!

Jörg von Bilavsky