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Hamburger Abendblatt, erschienen am 14. Dezember 2006

Die Nachkriegsjahre Dokumente zur geteilten Nation
Eine deutsch-deutsche Geschichtsstunde

"Die Deutschen" heißt ein multimediales Projekt mit Texten und Bildern aus dem Piper Verlag. Der zweite Band liegt jetzt vor.

Von Roland Mischke

Hamburg - Noch nie kamen zeitgeschichtlich Interessierte so üppig auf ihre Kosten. Der Münchner Piper Verlag ließ sich auf eine der ungewöhnlichsten Unternehmungen der letzten Jahre ein. Von dem auf vier Bände und zwölf DVD konzipierten Projekt des Autors Rolf Hosfeld und des Filmemachers Hermann Pölking liegen bereits zwei Bände im Buchhandel vor. Sie sind souverän und spannend geschrieben, wie das bei historischen Büchern selten ist, und mit ungewöhnlichen Bildfunden aus weitgehend unbekannten Quellen ausgestattet. Wir sprachen mit dem Autor.

ABENDBLATT: Herr Hosfeld, Sie arbeiten seit Jahren an diesem Mammutprojekt. War Ihr Anliegen von vornherein, das Bildergedächtnis der Nation zu erweitern?
ROLF HOSFELD: Natürlich auch. Besonders Hermann Pölking sammelt seit Jahren landauf, landab Filmquellen und Fotos, die kein offizielles Archiv hat. Aber die Geschichte der Deutschen ist natürlich mehr als ihr Bildergedächtnis. Deshalb die multimediale Herangehensweise. Im Buch erzählt sich die Geschichte auch in ihren entscheidenden Krisen- und Wendepunkten.

ABENDBLATT: Sie zeigen die Nachkriegsjahre, wie wir sie noch nie sahen? War das die Grundidee?
HOSFELD: Wir zeigen und erzählen vor allem deutsch-deutsche Geschichte. Die politische Entwicklung und den Alltag in beiden deutschen Staaten kann man nicht getrennt voneinander betrachten.

ABENDBLATT: Wie sind Sie vorgegangen, um an die Bilder und Informationen zu gelangen?
HOSFELD: Was die laufenden Bilder, auch die Fotos in den Büchern anbetrifft, ist es das Ergebnis einer fast 20-jährigen unermüdlichen Sammlertätigkeit von Hermann Pölking. So ist ein Kaleidoskop entstanden, das wie ein Echolot funktioniert und oft sehr private Sichtweisen wiedergibt.

ABENDBLATT: Die Gleichzeitigkeit, in der Sie die Nachkriegsentwicklung in DDR und BRD zeigen, weist nach, dass es sehr große Unterschiede, aber auch frappierende Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West gab.
HOSFELD: Es gibt Parallelen, aber auch große Unterschiede, das spüren wir bis heute. Politisch war die Demokratie für die Westdeutschen ein Geschenk. Für die Ostdeutschen blieb sie weitgehend eine Sehnsucht. Die Krisen des 17. Juni 1953 und des Mauerbaus 1961 haben in erster Linie die Ostdeutschen getroffen. Schon in den 50er-Jahren hatten Westdeutsche oft das Gefühl, in ein fremdes Land zu kommen, wenn sie die DDR besuchten. Aber wir dürfen die Gemeinsamkeiten nicht vergessen: vom Alltag über die gemeinsame deutsche Kulturtradition bis hin zur populären Jugendkultur.

ABENDBLATT: In den Exkursen gehen Sie auf zentrale Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte ein: Kanzler Adenauer, Kanzleramtschef Hans Globke, Vertriebenenminister Theodor Oberländer und andere. Wie fällt der Rückblick von heute auf teilweise umstrittene Politiker aus?
HOSFELD: Oberländer war "braun, sogar tiefbraun", wie selbst Adenauer sagte, Globke eine durch seine Mitwirkung bei den Nürnberger Rassegesetzen höchst umstrittene Figur. Daran ändert sich auch aus heutiger Sicht nichts. Dennoch war die Integrationspolitik Adenauers wahrscheinlich richtig. Auch in der DDR wurden ja weit mehr Nazis integriert als ausgeschlossen.

ABENDBLATT: Wird von der Geschichtsforschung die Nachkriegszeit inzwischen systemübergreifend analysiert oder gibt es noch die Ost- oder Westbetrachtung?
HOSFELD:Man sieht die Dinge heute zunehmend systemübergreifend. Hier sind besonders die Arbeiten des Historikers Christoph Kleßmann und der Potsdamer Zeithistoriker um Martin Sabrow - viele davon mit biografischem DDR-Hintergrund - zu nennen.

ABENDBLATT: Was sollten Schüler unbedingt über den Ost-West-Konflikt erfahren?
HOSFELD: Die Grunddaten. Vor allem aber sollten sie wissen, dass Demokratie ein sittlicher Wert an sich ist, wie Willy Brandt es einmal ausgedrückt hat.

ABENDBLATT: Historisch waren DDR und BRD Episoden. Was glauben Sie, wie in 50 oder 100 Jahren über diesen Teil der deutschen Geschichte geurteilt wird?
HOSFELD: Man wird mit einer gewissen Gelassenheit und Trauer darauf zurückblicken und sich seiner Verantwortung bewusst bleiben müssen. Deutschland hat zwei Kriege verursacht und unendliches Elend über die Welt gebracht. War die Teilung deshalb notwendig? Das sind Spekulationen. Wichtig bleibt, dass Deutschland nach Jahrhunderten nun endlich einen Platz in Europa gefunden hat, der auf Dauer eine friedliche und demokratische Zukunft des Kontinents verspricht