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Süddeutsche Zeitung, 3. September 2007

Adenauer und Alexandra
Der Versuch einer multimedialen Geschichtsschreibung

Eine „spannende Geschichtsdarstellung”, ein „multimediales Projekt”, dessen einzelne Teile sich ergänzen und einen „aufregenden Zugang” eröffnen zu den Ereignissen, die „unsere Gegenwart geformt haben”, kündigen Verlag und Autoren im Vorspann ihrer „Geschichte zum Lesen, Sehen, Hören, Verstehen” an. Als ob das so einfach wäre mit dem Verstehen! Schließlich lernt man schon im Proseminar, dass Quellen, zumal bildliche und filmische, nicht für sich selbst sprechen. Aber an ein Fachpublikum richtet sich diese „Zeitreise mit Bildern und Filmen” vermutlich ohnehin nicht. Was also bekommen die „historisch interessierten” Leser und Leserinnen von Rolf Hosfeld, der für den Text, und Hermann Pölking, der für das Filmmaterial verantwortlich zeichnet, geboten?

Der Untersuchungszeitraum ist nicht weiter inhaltlich-systematisch gegliedert, sondern einfach in 15 zwischen 20 und 60 Seiten lange Abschnitte unterteilt. Immerhin fällt auf, dass die ersten zehn Nachkriegsjahre über die Hälfte des Buches beanspruchen. Ob dahinter die – durchaus diskutable – These steht, dass diese Phase die weitere Entwicklung in Deutschland entscheidend prägte und deshalb mehr Raum verdiene, bleibt unausgesprochen, ebenso wenig wird die Entscheidung für das Jahr 1972 als Endpunkt begründet. Überhaupt verzichtet Hosfeld weitgehend auf analytisch-begriffliche Interpretationen: Eine Auseinandersetzung mit Konzepten wie „Liberalisierung”, „Modernisierung” oder „Westernisierung” findet nicht statt. Die Darstellung konzentriert sich vielmehr auf die politische Geschichte West- und Ostdeutschlands vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts; selbst die Wirtschaftsgeschichte kommt, ungeachtet des verheißungsvollen Untertitels, eher am Rande vor. Es sind die Haupt- und Staatsaktionen, die den Autor vor allem interessieren. Hier spiegelt die Darstellung im Großen und Ganzen den neueren Forschungsstand wider, allenfalls die Politik Frankreichs wird, im Einklang mit der älteren Fachliteratur, übertrieben negativ gezeichnet.

Erwartungsgemäß stehen die bekannten „großen Männer, die Geschichte machen”, im Mittelpunkt: Zuerst die alliierten Staatsoberhäupter, dann Konrad Adenauer und Kurt Schumacher (und erstaunlich früh auch schon Willy Brandt) auf der einen, Ulbricht und Grotewohl auf der anderen Seite. Der Alltag sowie die Entwicklung des sozialen und kulturellen Lebens tauchen vor allem in den zahlreichen, Haupttext und Lesefluss unterbrechenden Einschüben auf. Diese fallen zwar oft recht informativ und amüsant aus, stehen aber ebenso oft in keinem nachvollziehbaren Zusammenhang mit dem Erzählstrang und bilden überwiegend Vorkommnisse in der Bundesrepublik ab. So werden, um nur einige Beispiele für die sechziger und siebziger Jahre zu nennen, der Start des „Beat-Clubs”, die Gründung der „Stiftung Warentest”, die Kampagne gegen den Abtreibungsparagraphen 218, der Unfalltod der Schlagersängerin Alexandra, der Bundesligaskandal um Schalke 04, die Fernsehserie „Raumpatrouille Orion” und der „Sexualaufklärer” Oswalt Kolle in Erinnerung gerufen.

Neue Ergebnisse und Thesen sind bei einem Autor, der auf eigene Quellenstudien verzichtet hat, sondern sich auf wissenschaftliche Autoritäten wie Hans Peter Schwarz oder Heinrich August Winkler sowie auffallend oft auf Franz Josef Strauß’ „Erinnerungen” stützt, eher nicht zu erwarten – das gilt auch für die Verknüpfung des WM-Sieges von 1954 mit dem „Wirtschaftswunder”: Dass am deutschen Erfolg auch die „neuartigen Fußballschuhe” aus Herzogenaurach mit ihren variablen Schraubstollen, die den genagelten Stollen der Ungarn überlegen waren, ihren Anteil hatten, gilt schon länger als gesicherte Erkenntnis.
Im Gegensatz zur altbackenen Darstellung ist der Neuigkeits- und Unterhaltungswert der ausgewählten Fotos und Filmaufnahmen beträchtlich, wurden doch viele der Aufnahmen aus Privatbesitz zusammengetragen. Die drei DVDs enthalten einschließlich des „Bonusmaterials” und der Interviews mit den Historikern Manfred Görtemaker, Peter Steinbach und Martin Sabrow fast sieben Stunden Film und bieten in der Tat selten gezeigte Ausschnitte aus dem alltäglichen Leben mit all seinen Problemen und Freuden. Episode reiht sich an Episode, der Anspruch, ein „filmisches Kaleidoskop deutschen Lebens” zu präsentieren, wird hier voll und ganz eingelöst. Dennoch hinterlässt diese „Zeitreise” – weniger wegen der Bilder, sondern vor allem wegen der Darstellung – insgesamt einen zwiespältigen, unbefriedigenden Eindruck.

Werner Bührer