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Interview des »Börsenblatts des Deutschen Buchhandels« für die Ausgabe 40 vom Oktober 2007 mit den Autoren Rolf Hosfeld und Hermann Pölking.

»Erzählen, nicht simplifizieren«

Hosfeld: Wir säßen vermutlich heute nicht hier, wenn der Piper Verlag nicht an dieses Projekt geglaubt hätte und davon überzeugt wäre, dass es für so ein aufwendiges Produkt auch einen Markt gibt – nicht nur bei privaten Buchkäufern, sondern auch bei Bibliotheken und Kulturinstituten. Der Verlag hat gemeinsam mit Dritten und uns erheblich in die »Die Deutschen« investiert und hofft natürlich, sowohl über den Verkauf als auch über Zweitverwertungen den eingesetzten Betrag wieder einzuspielen und langfristig Gewinne zu erzielen.

Wer hatte die Idee für dieses Kombiprodukt aus Buch und DVD?

Hosfeld: Die Idee stammt von Hermann Pölking, der seit 15 Jahren unveröffentlichtes filmisches Archivmaterial sammelt und bisher 30 regionale Filmchroniken produziert hat – zum Beispiel zur Geschichte des Saarlands. Das sind Quellen, die einem normalerweise nicht zur Verfügung stehen, weil sie in offiziellen Archiven fehlen.

Pölking: Zum größten Teil handelt es sich um völlig unerschlossene, unbearbeitete Bestände, die auf privaten Dachböden schlummern. Aber auch in Firmen- und Behördenarchiven oder kleinen Heimatvereinen oder in Militärarchiven stößt man auf Filmszenen, die man so nicht im Fernsehen zu sehen bekommt. Die Filme, die häufig Alltagsszenen zeigen, bringen eine enorme Frische in die Bildsprache. Gleichzeitig verschieben sie den Blickwinkel auf die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Er wird regionaler und alltäglicher. Daraus entstand dann die Idee für ein Kombiprodukt aus Buch und DVD, das um zwölf Historikerinterviews und ca. 2000 Fotografien, Statistiken und Karten ergänzt worden ist.

Drei Bände sind seit Herbst 2006 erschienen, Anfang November folgt Nummer 4. Wie ist bisher die Resonanz im Buchhandel?

Pölking: Für ein so langfristig angelegtes Projekt sind die Verkaufszahlen schon sehr gut. Wenn die Edition komplett vorliegt, wird es sicher einen weiteren Nachfrageschub geben.

Und die Kritik?

Pölking: Es hat fast nur positive Besprechungen gegeben – so in der »Welt« und im »Spiegel«. Wenn es Kritik gab, dann letztlich daran, dass der Haupttext des Buches politischer erzählt. Das haben wir auf den 2.100 Seiten Buch bewusst so gemacht, denn der Alltag dominiert die 18 Stunden Film! Die Fachöffentlichkeit, vor allem die historischen Fachzeitschriften, wartet noch ab, bis alle vier Bände vorliegen.

»Die Deutschen« richtet sich an eine breite, historisch interessierte Öffentlichkeit. Wodurch unterscheidet sich dieses Projekt von anderen, ähnlich gelagerten Editionen?

Pölking: Zunächst einmal durch die komplementäre Verknüpfung von Filmen auf DVD und Buch. Man kann zum Beispiel in einem 90-minütigen Dokumentarfilm mit 30 Seiten Sprechertext nicht 14 Jahre Weimarer Zeit abhandeln. Dazu brauchen Sie in einem Buch mehrere hundert Seiten. Auf der anderen Seite ist das Bildmaterial etwa zum Thema Judenverfolgung viel dünner als erwartet. Hier muss das Buch dann ausführlicher werden, auch in alltäglichen Dingen. Hier haben wir versucht, Bildmaterial zu verwenden, das nicht überall bekannt ist und beim Zuschauer nur noch Wiedererkennungsreflexe auslöst. Bei unseren Filmrecherchen haben wir im übrigen etwa bisher unbekannte Filmbilder von der Verschleppung der Bruchsaler Juden im Jahr 1940 gefunden.

Hosfeld: Nicht nur die Filme, auch das Buch ist in seiner Machart selten in der Verlagslandschaft. Es hat eine gewisse Nähe zu einem gut gemachten Magazin, das heißt, es gibt auch journalistische Komponenten in der Anordnung von Text und Bild. Das Buch soll Möglichkeiten des Lesens auf verschiedenen Ebenen anbieten. Man kann es durchblättern, man kann Bildunterschriften lesen oder sich kurze Texte ansehen.

Hält die Edition historischen Maßstäben stand?

Hosfeld: Auf jeden Fall. Es sind Texte, die auch von Historikern als Darstellung akzeptiert würden, und die auf dem Niveau der wissenschaftlichen Diskussion liegen. Unser Ziel war es, eine lesbare Geschichte Deutschlands und der Deutschen zu präsentieren. Vorbild sind für mich amerikanische Historiker, weil sie erzählte Geschichte vor einem großen Publikum präsentieren können, ohne sie zu simplifizieren. Wir haben eine induktive Form der Darstellung gewählt, die sich eng an die Tatsachen hält und den beschriebenen Ereignissen keine Thesen überstülpt.

Gibt es eine historische Schule, der Sie sich verpflichtet fühlen?

Pölking: Nein, wir haben bewusst unterschiedliche Standpunkte und Schulen zu Wort kommen lassen. Und bei der Auswahl der Filmquellen haben wir darauf geachtet, möglichst viele Regionen von Straßburg bis Königsberg, von Nordschleswig bis zum Allgäu zu berücksichtigen. Vor allem haben wir es vermieden, eine zentralistische "Berliner" Perspektive einzunehmen. Wichtig war uns auch eine ausgewogene Darstellung der deutschen Nachkriegsgeschichte. Deshalb haben wir der Geschichte der DDR entsprechend breiten Platz eingeräumt. Viele westdeutsche Leser sind bis heute nur unzureichend über die Entwicklung des zweiten deutschen Staats informiert.

Die DVDs bedienen in erster Linie nicht die bekannten Fernsehformate, sondern sollen nach Ihrem Anspruch eine neue Dokumentarfilmsprache schaffen?

Hosfeld: Wir unterliegen nicht den Zwängen einer TV-Produktion für das Hauptprogramm. Die Filme sind aus zahlreichen 55 bis 120 Sekunden langen Sequenzen zusammengesetzt, die sich quasi als Mosaiksteine vielfach kombinieren lassen und die man etwa einzeln auf Online-Plattformen abspielen könnte. Diese Art von dokumentarischer Filmgestaltung soll sich Lesegewohnheiten anpassen - man kann selektiv schauen. Es ist ein originäres Produkt für den Buchhandel. Nur dort lassen sich Dokumentarfilme auf DVD in einer Form vermarkten, die Händler und Kunden akzeptieren. Die Aufmachung muss buchaffin, und die Bände müssen neben anderen, »reinen« Büchern zu finden sein, damit auch der klassische Buchkäufer zugreift.

Gibt es schon konkrete Pläne für eine Zweitverwertung der Edition?

Hosfeld: Die Bücher und die DVDs sind auf eine längere Marktpräsenz hin angelegt, und es wird für beide Medien eine Verwertungsschiene geben. Aber das ist Aufgabe des Piper Verlages.

Pölking: Die Bücher könnten ohne DVDs im Taschenbuch oder in einer günstigen Studienausgabe wiederaufgelegt werden. Denkbar wäre auch eine Auskopplung von Themenblöcken, zum Beispiel Erster und Zweiter Weltkrieg. Spiegel TV hat die Filmlizenzen bei Piper gekauft und sendet ab Ende Oktober mehr als 300 Minuten an den ersten drei Samstagen auf VOX – zu einer guten Sendezeit. Als weiterer Lizenznehmer strahlt bereits Discovery Channel die Filme im Bezahlsender Premiere aus.

Wie lange haben Sie recherchieren müssen, um die zwölf Film-DVDs zu füllen?

Pölking: Für das Projekt haben wir 2600 Filme gesichtet – das entspricht rund 1500 Stunden Filmmaterial. Systematisch gesucht haben wir in neun Jahren Arbeit vor allem Filme aus den Jahren 1896–1955. Ab Mitte der 30er Jahre wächst mit preiswerten 8 mm und 9 mmm-Formaten die Zahl bewegter Bilder exponentiell. Ab ca. 1955 wird sie schwer überschaubar. Material ab 1955 haben wir gezielt gesucht, allerdings nicht in bekannten Archiven.
Da mussten wir eine gezielte Auswahl treffen.

Ohne ein mehrköpfiges Team wäre das wohl nicht zu bewältigen gewesen …

Hosfeld: "Die Deutschen" ist sicher eines der großen Dokumentarfilmprojekte der letzten Jahre. Dabei sind wir von bis 18 redaktionellen, technischen und kaufmännischen Mitarbeitern unterstützt worden. Das jahrzehntealte Zelluloid musste erst entklebt und restauriert werden, bevor es digital »remastered« werden konnte. Dabei musste dann auch die Bildfrequenz alter Aufnahmen – 16 statt 24 Bilder pro Sekunde – berücksichtigt werden. Den ach so bekannten Effekt der gehetzt durchs Bild trippelnden Gestalten wollten wir vermeiden.

Interview: Michael Roesler-Graichen