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Hamburger Abendblatt, 25. November 2006

Gefilmtes Wirtschaftswunder

Dass historische Rückblicke dröge wären, hat schon Guido Knopp widerlegt. Auch Rolf Hosfeld und Hermann Pölking machen mit ihrem Projekt "Die Deutschen 1945 bis 1972" Geschichte spannend und unterhaltsam. Für ihre Zeitreise trugen sie 20 Jahre lang Bildmaterial zusammen, das der Piper Verlag nun in einem Buch-DVD-Set präsentiert. Dessen Reiz liegt vor allem in den unterschiedlichen Entwicklungen von Ost und West. Das Buch verdeutlicht Geschichte und Zeitgeist u. a. mit vielen Grafiken: In den 50er-Jahren etwa lebte noch jeder vierte Deutsche von der Landwirtschaft, 1950 gab es erst knapp eine Million Kraftfahrzeuge in Deutschland, 1967 schon 15 Millionen. Das Beste aber sind die sieben Stunden Filmmaterial. Pölking hat dafür viel bisher Unveröffentlichtes gesammelt: Werksfilme und Städteporträts, Streifen aus Filmmuseen, Regional- und ostdeutschen Parteiarchiven und von Amateurfilmern. Faszinierend und liebenswert sind die Einblicke in den Wandel des Alltags von Mode über Möbel, Elektrogeräte, Dorfhochzeiten und Faltbooturlaub bis hin zum Schulunterricht.

Einziger Nachteil der Filmkollektion: Die Kommentare klingen manchmal, als hätte ein übereifriger Mitarbeiter der Bundeszentrale für politische Bildung sie 1960 verfasst. In der DDR war alles gelenkt und suspekt, in der BRD alles prima. Warum dennoch im Westen gestritten und demonstriert wurde, etwa gegen den Schahbesuch 1967 oder die Notstandsgesetze 1968, bleibt unerklärt im Nebel. Schade. Ansonsten: sehr sehenswert.