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Filmquellen
Die großen nationalen Archive, insbesondere das Bundesarchiv in Berlin bzw. Koblenz, die »National Archives« in Washington/DC, das Filmarchiv des Imperial War Museum in London, aber auch die Nationalen Filmarchive der Niederlande, Polens und Österreichs sind die Quellen der meisten zeitgeschichtlichen Dokumentationen. In manche dieser Archive sind die Bestände der großen privaten Filmproduktionen eingegangen. Dies gilt insbesondere für die bis 1945 in Deutschland produzierten Wochenschauen und Dokumentarfilme.

Die Wochenschauen von Gaumont und Pathé, die schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts von wichtigen, sensationellen und skurrilen Ereignissen berichten, werden noch heute kommerziell vermarktet, ebenso die Wochenschauen, die in der Bundesrepublik und in der DDR in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren produziert werden. Neben diesen Beständen gibt es Archive von nichtfiktionalen Filmen in Filmmuseen. Im Filmmuseum Berlin archiviert die »Deutsche Kinemathek« auch Dokumentarisches. Im Archiv des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt, im Stadtmuseum München und im Filmmuseum Düsseldorf finden sich Nachlässe von Privatpersonen und Unternehmen.

Seit Mitte der fünfziger Jahre ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen der größte Archivar eigener Dokumentationen und von Beiträgen der Fernsehnachrichten. Das »Haus des Dokumentarfilms«, gegründet 1991 und weitgehend vom öffentlich-rechtlichen TV getragen, hat sich »die Sammlung, Erforschung und Förderung des deutschen und internationalen Film- und Fernsehdokumentarismus« zur Aufgabe gemacht. Man sammelt neben den journalistischen Formen der Reportage und der Dokumentation auch künstlerisch und sozial engagierte Dokumentarfilme, Industrie-, Natur-, Lehr- und Kulturfilme.

Wer auf diese Quellen zurückgreift, muß schon im Rechercheansatz bewußt gegensteuern, um nicht die bei vielen Geschichtsdokumentationen oft zentralistische, von der »großen Politik« bestimmte Perspektive zu übernehmen. Dies ist meist ein Blick auf die Metropolen, auf Berlin, München, Frankfurt, oder auf die großen Städte des Rheinlandes und des Ruhrgebietes. Hier kommen die Kameraleute der Wochenschauen hin und zeigen Großereignisse und die Mächtigen am Regierungs-, Unternehmens- oder Verbandssitz.

Mit diesen Aufnahmen läuft der Dokumentarist Gefahr, einseitig das Bild der großen Städte, der technischen, industriellen und kulturellen Avantgarde, der modisch Up-to-date-Lebenden zu zeigen. Wir wollen aber auch auf die Ungleichmäßigkeit der Entwicklungen hinweisen, die Rückständigkeit mit der Spitze der Moderne vergleichen, das Alltägliche in Arbeit, Freizeit und Familie mit dem Offiziellen in Politik, Wirtschaft und Kultur.

Unser Anspruch ist, sowenig wie möglich auf diese erschlossenen Archive zurückzugreifen. Wir mußten also neue Quellen finden. Dies haben wir in einer systematischen Recherche getan. Wir haben unsere im Jahr 1983 beiläufig begonnene Sammeltätigkeit seit 1998 immer mehr in dem Projekt »100 Stunden Deutsche Geschichte im Film« systematisiert. Entlang der Grenzen der historischen deutschen Länder wurde in Dorfarchiven, kleinen Stadtmuseen, bei Heimatvereinen, lokalen Medienzentren, bei Film- und Videoclubs und Unternehmen vor Ort gesucht. Und über die Lokalzeitungen haben wir Filmamateure und Besitzer von privaten Filmnachlässen erreicht.

Um eine systematische Recherche konzipieren zu können, mußten wir uns mit der Entwicklung der Filmtechnik beschäftigen, herausfinden, wer Auftraggeber und Produzent gewesen sein kann und zu welchem Zweck in der jeweiligen Zeit gefilmt worden war.

Bis 1923 sind nichtfiktionale Filmquellen selten, zwischen 1923 und 1935 rar. Ab 1935 setzt zumindest in Deutschland eine filmische Massenproduktion ein, von deren Beständen allerdings einiges in den Kriegswirren verlorengeht. Mit Beginn der elektronischen Aufzeichnung, der Einführung des Super-8-Films und der Filmkassette wird diese Produktion noch einmal gesteigert. Seitdem Video bei den Amateuren den Schmalfilm verdrängt hat, gibt es auch außerhalb des Fernsehens, des Industrie- und Dokumentarfilms eine wahre Flut bewegter Bilder. Und mit der Einführung des filmenden Handys wird wohl jedes große und kleine Ereignis, jede Katastrophe und jeder freudige Anlaß im bewegten Film festgehalten und dokumentiert werden können.

Diese von uns vermutete Quellenlage hat unsere Recherche bestimmt. Auf der Suche nach Filmen bis zum Jahr 1918 sind wir in ganz Deutschland systematisch geographisch vorgegangen. Für den Zeitraum 1923 und 1935 haben wir flächendeckend in jenen, vor allem ländlichen, Regionen recherchiert, in denen Filmquellen bis dahin eher unerschlossen waren. Der Zeitraum 1935 bis Mitte der fünfziger Jahre ist in Filmquellen gut dokumentiert. Hier galt es zwischen vielen Quellen auszuwählen, die schon leichter zugänglich waren.

Wenig dokumentiert sind naturgemäß die Repressalien gegen Regimegegner, Juden und andere Verfolgte der Nazidiktatur. Besonders über den systematischen Judenmord gibt es wenig Originalmaterial außer Aufnahmen der Befreiung von sowjetischen, amerikanischen und britischen ­Kameraleuten.

Ab 1955 sind wir in der Recherche nur noch thematisch und punktuell, nicht mehr systematisch geographisch vorgegangen. Allgemeine Aufrufe nach Material hätten uns mit Filmquellen überschwemmt, ihre Überspielung und Sichtung unsere finanziellen und personellen Kräfte überfordert. Hin und wieder half uns der Zufall, und wir konnten Filme finden, nach denen wir im Zeitraum ab 1955 nie gesucht hätten.